„Quadrat“, Neuwerk Kunsthalle, Konstanz



 

 

 

 

 

   

 

 

 



 

 



   


 



 

 




 

 

 

 
   

 

 

 
   

 

 

 

 

 




 

 

 

 

 

 

 


 



Für den Inhalt dieser Seite ist eine neuere Version von Adobe Flash Player erforderlich.

Adobe Flash Player herunterladen


 

 



„Quadrat“, Neuwerk Kunsthalle, Konstanz

 

Vernissagerede am 25. September 2015 in der Neuwerk Kunsthalle, Konstanz von Helga Sandl (Kuratorin)

Quadrat: Ein einfacher sehr klarer Titel, den sich Rolf Nikel da ausgesucht hat. Ist deshalb auch das Thema, mit dem sich der Künstler befaßt, einfach?
Wenn sich ein Künstler auf eine Form, auf ein Material oder auf eine einzige Technik konzentriert, dann begibt er sich bewußt auf den Weg der Beschränkung. Konzentration ist auch die Bereitschaft der Eingrenzung.

Das Quadrat ist Sinnbild für Gleichförmigkeit, Ruhe, Ausgeglichenheit, aber auch Strenge und Symmetrie. Es ist ein starkes Symbol für Ordnung und Festigkeit.
Viele Künstler vor ihm haben sich das Quadrat zum Ausgangspunkt oder Ziel ihrer Kunst auserkoren. Wir denken z.B. an Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat, an den Konstruktivismus, an die Zürcher Konkreten oder an die Minimal Art. Das Quadrat ist eines der Paradigmen der Modernen Kunst geworden. Unzählig sind die Bezugnahmen.

Es ist eine Herausforderung, sich vor dem Hintergrund dieser wahnsinnigen Geschichte mit dem Quadrat zu beschäftigen, nicht davor zurück zu schrecken und die Möglichkeiten für sich neu auszuloten, die Grenzen selbst abzutasten und zu überschreiten.
Worum geht es Rolf Nikel in seiner Konzentration auf das Quadrat?
Sicher scheint zu sein, dass Rolf Nikel auf dem Gebiet des Gegenstandlosen arbeitet. Aber was ist schon wirklich sicher?

In Serien und mit einfachen Mitteln, mit kleinsten Veränderungen erschließt er eine Vielfalt an Variationsmöglichkeiten. Die serielle Vorgehensweise, die minimale Veränderung teilt er mit den Konkreten. Im gleichen Moment aber widerspricht er in seiner Art und Weise der herkömmlichen Auseinandersetzung, er widerspricht den strengen Regeln, den exakten Vermassungen, den geraden Linien, allen mathematisch berechenbaren Anwendungsformeln Und er setzt an ihre Stelle die Bewegung. Es ist sein Körper der Raum greift. Beim Malen ist er ganz "Kopffüßler". Seine individuelle Schrittlänge wird ihm zur maßgebenden Einheit für seine quadratische Grundform. Der Körper selbst wird zum Werkzeug, wenn er Gitterstrukturen und Netzte entwirft, wenn er seine Kreise und Bogenformen mit Eitempera zieht. Seine Fußabdrücke sind sichtbar, die Zehen geben den Abstand der Linien vor, die eigene Beweglichkeit, das Balance halten, der Moment, in dem das Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagert werden muss, um nicht umzufallen, die Drehung des Körpers, da, wo er eine andere Richtung einschlagen muß, um im vorgegebenen Raster zu bleiben - all diese Bewegungsmomente, das Stillhalten und Weiterziehen, die Ruhe und Anspannung - der gesamte Ablauf ist in seinen Objekt-Bildern sichtbar. Eingesperrt und beengt ist sein Körper bei der Arbeit, er kontrolliert seine Bewegungen, er hält sich an die Begrenzungen und läuft in diesem Karre sein eigenes Koordinatensystem ab.
Dann arbeitet er nach, verdichtet mit Glanzruß und schneidet seine Strukturen aus dem Papier heraus. Manchmal scheinen sich seine Arbeiten nach außen zu wölben, ein anderes Mal wirken sie wolkig leicht, dann gefasst und massiv durch die Dichte der Struktur, durch das Netz aus Linien, durch die Überkreuzung der Wege.

War es bei Malewitsch, der Versuch, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, so ist es bei Rolf Nikel der Versuch, der abstrakten Kunst die Last des eigenen Körpers, eine Hand- und Fußschrift wieder einzuschreiben. Es ist eine Strategie, das Verhältnis von Autorschaft und Werk im Kunstwerk selbst zu thematisieren und zu reflektieren. Ob leichtfüßig oder schwermütig, welchen Eindruck seine Füße auch immer zuwege bringen, das Bild ist Ausdruck und Abdruck, Spur einer gewichtigen menschlichen Bewegtheit und in dem eine sichtbare Beziehung zur Rezeptionsgeschichte herstellt wird.

Rolf Nikel macht zudem den Kontrast zwischen dem Blatt Papier und dem, was darauf und damit, dahinter oder davor geschieht, er macht den Kontrast zwischen der Flachheit des Papieres und seiner dreimdimensionalen Wirkung des fertigen Bildes für uns erfahrbar. Die Bild-Objekte und Objekt-Räume von Rolf Nikel schwanken zwischen der Stabilität der Form und der Labilität des Materials, sie fluktuieren zwischen der Bewegung und dem fertigen und doch nie stillstehenden Bild-Objekt und bringen letztlich die Form selbst aus ihrem Gleichgewicht, aus ihrer Symmetrie, aus ihrem starren Schematismus.

Zwei oder drei Ebenen aus Papier hängt Rolf Nikel in losem Abstand hintereinander und er erzielt erstaunliche Beziehungen zwischen den einzelnen Ebenen und zwischen den Bildern, die in Dreiehrreihen gehängt sind und zwischen allen Bildern im Raum.
Denn Rolf Nikel gestaltet Raum: Raum als Bewegung gedacht, ein Raum, der aus Richtungen, Dynamiken, Kräften, Spannung entsteht, und als Struktur erfahrbar wird. Ein Raum, der sich in der Wahrnehmung ständig verändert, ein Raum, in dem der Schattenwurf als sichtbares Bildelement mitgedacht wird. Die Veränderung des Betrachterstandpunktes, die Distanz und Nähe ,die Veränderung des Lichtes, die Verschiebung der Blickachsen durch unsere eigene Bewegung, das alles sind integrative Bestandteil seiner Arbeiten.

Rolf Nikel täuscht uns gewaltig! Er zeigt uns etwas von der Natur des Quadrates und arbeitet im wahrsten und im übertragenen Sinn an der Quadratur des Kreises. Er erzählt von der Bewegung im Quadrat und bewegt damit die Grundform selbst, er rückt die Handlung und den Körper in den Mittelpunkt, er formt Plastisches und bleibt doch in den engen Grenzen der Zweidimensionalität.

Mit welch einfachen Mitteln man doch Bewegung, Veränderung und Raumerfahrung erzeugen kann, wenn man Rolf Nikel heißt.
Für uns andere, ist das nicht so einfach.
Im Nebenraum können wir Bildsequenzen sehen. Einmal verändert sich nur der Hintergrund, er wird um 90 Grad gedreht, oder auf den Kopf gestellt, oder die Vordergrundstruktur wird gedreht und es entstehen bewegte Muster und Dimensionen. Auch hier sind es kleinste Verschiebungen, die den Gesamteindruck jedoch maßgebend verändern.

Der Bezugspunkt, vielleicht auch der Ausgangs- und Endpunkt von Rolf Nikel ist die Linie als Fortführung der Körperachse, als Fortführung des Körpers selbst.
Er zeigt uns die plastische Idee der Linie, wie sie sich wölbt und mit anderen  kreuzt, wie sich Linien ineinander verschlingen, dicht oder luftig leicht werden, wie sich der Zwischenraum entfaltet, wie Linien Flächen teilen und neu organisieren, wie Linien Symmetrie andeuten und doch unterwandern, nicht einlösen, wie durch eine einfache Linie Gesetze außer Kraft gesetzt werden können: Oben und unten, rechts und links spielen keine Rolle mehr in Rolf Nikels Koordinatensystem. Der Künstler lotet den Spielraum zwischen freier und streng gebundener Form aus. Er lotete den Übergang von der Fläche zum Raum aus. Er arbeitet geometrisch abstrakt ja! Aber er unterwirft sich nicht der Geometrie, sondern er stellt seine eigenen rudimentär exakten, individuell verwilderten Quadrate her.
Er zeigt uns damit, innerhalb von Grenzen frei zu sein.

Dafür gebührt dem "Kopffüßler" großer Dank! Und wir alle haben heute das Glück, den Künstler selbst hier zu haben, und wir dürfen auch genauer hinsehen, seine Hände und Füße ein wenig ins Visier nehmen, um uns abzusichern, dass dies der Kopf und dies die Hände und dies die Füße sind, deren Spuren und Abdrücke uns alle bewegen; mit denen er uns nicht im Dreieck, sondern im Rahmen seiner Quadraturen springen läßt.

Helga Sandl